Feindfahrten

Nennt mich Es Jot. – Ich könnte jetzt behaupten, dass eines Tages zwielichtige Gestalten den Weg in die dunklen Bars meiner Heimatstadt fanden, ein Bier nach dem anderen ausgaben und ich mich einen Tag später, mit einem schweren Kopf auf dem Beifahrersitz eines 7,5 Tonners wiederfand. Aber nein… die Realität sieht anders aus. Aus freien Stücken nahm ich die Feder zur Hand, unterschrieb mit Tinte und Blut den Arbeitsvertrag, mit dem ich dem Leibhaftigen für viele Jahre meine Seele verkaufte. Von jenen schicksalhaften Tage an führten mich meine Fahrten als Decksmann im MontageService ihrer Majestät quer durch das von Gegensätzen geprägte Mecklenburg, durch weite Teile Brandenburgs, von den Sturm gepeitschten Küsten der Ostseeinseln bis tief in die Schluchten des niemals schlafenden Berlins. Hin und wieder glich es einer Reise in die Vergangenheit. Orte, an denen die Zeit, irgendwann in den 80iger Jahren des 20. Jahrhunderts, stehen geblieben zu sein schien. Ständig getrieben von den Geldsorgen ihrer Herrlichkeit und den unbändigen Drang, Küchen zu montieren. Nicht immer ein leichtes Unterfangen und viel zu oft ein Griff ins Klo. Man konnte oftmals gar nicht soviel kotzen, wie man eigentlich wollte, nahm den Stress mit nach Hause und verfluchte den Morgen, an dem man es wieder nicht geschafft hat, über den eigenen Schatten zu springen und einfach liegen zu bleiben. Doch trotz all dem Ärger und all der Schwierigkeiten, die der Job so mit sich brachte, sind es, heute betrachtet, die schönsten Jahre meines bisherigen Arbeitslebens gewesen. Das lag vor allem an dem Kreis der Leidensgenossen mit denen man sein Schicksal teilte und an den Unmengen an Leuten, die man im Laufe der Zeit kennenlernen durfte/ musste. Es ist wirklich kaum zu glauben, wieviele Klisches dabei bedient wurden. Im Gutem wie im Schlechtem. Das Wort Kuriositäten trifft es stellenweise, glaube ich, am ehesten. Mehr als einmal fiel es schwer, den Impuls zu unterdrücken, sich nach einer versteckten Kamera umzusehen. Was haben wir gelacht…. Und unter uns gesagt….es gibt nichts Schöneres, als nach einen langen, gebrauchten Tag, in Richtung Heimat zu segeln. Immer hart am Wind und mit ner Handbreit Wasser unterm Kiel. Vorausgesetzt natürlich, Monteur und Kunde lagen sich am Ende des Tages glücklich in den Armen. sj

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